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Warum Wiesenhof alles richtig gemacht hat

In den letzten beiden Wochen wurden der Comedian Atze Schröder und Wiesenhof mit einem Shitstorm aus dem oberen Bereich der Sturmtabelle überzogen. Über 1000 Anzeigen liefen beim Deutschen Werberat nach eigenen Angaben ein. Auf Twitter & Co wurden die digitalen Buh- und Schmährufen im Minutentakt und in Großbuchstaben gepostet. Und kein geringerer als Jan Delay, Botschafter bei Werder Bremen, legte sein Amt vorläufig nieder, da Wiesenhof der Haupt-und Trikotsponsor des Fussball Erstligisten ist.

Was war geschehen?

Atze Schröder ist seit 2015, nach Dieter Bohlen, die neue Werbeikone für Bruzzzler, der Grillfleischmarke des bekannten Geflügelfleischverwerters Wiesenhof und seit dieser Zeit in Clips mit platten Alt-Herrenwitzen zu sehen, in denen er sein Würstchen anpreist.
Die Clips unterscheiden sich nicht sonderlich von seinem sonstigen Programm und treffen den Humor seines Publikums, in dem Augenzwinkernd alles auf Anzüglichkeiten hinausläuft, die grade in ihrer übertrieben Plattheit ihren besonderen Witz entfalten sollen.
Die Kunstfigur Atze Schröder stellt wohl sowas wie den Cousin dritten Grades dar, der nur auf Familienfeiern auftaucht, dort nach drei Schnäpsen peinliche Zoten reißt und für den Gesprächsstoff am nächsten Tag sorgt, bei dessen Schilderung man betreten den Kopf schüttelt und hofft nächstes Jahr nicht wieder am Tisch neben ihm sitzen zu müssen.
Kleines Beispiel gefällig ? Bitte schön:

Lecker Würstchen! HäHä… Leck…er… HäHä…Leck!! … Nun ja, Humor ist nicht jedermann Sache.

Eben diese Witzfigur hält nun im neuesten Video ein 20 cm Bratwurst auf dem Piecker und in die Kamera und verkündet frivol: „Und, seid ihr bereit für die größte Wurst des Sommers? Hier ist das Ding. Danach müssen Gina und Lisa erst mal in die Traumatherapie.“
Die Namen sind nicht zufällig gewählt und verweisen, das streitet auch keiner der Akteure ab, auf Gina-Lisa Lohfink einer ehemaligen Germany next Top Models Teilnehmerin, die mit kesse Lippe und freizügigen Art seit ein paar Jahren durch die Medienlandschaft tingelt.
Frau Lohfink wird eine Falschverdächtigung wegen Vergewaltigung vorgeworfen. Der laufende Prozess wird von einem großen Medienecho begleitet und findet verstärkte Aufmerksamkeit in den sozialen Netzwerken und gilt neben den Übergriffen in der Kölner Silvesternacht für ein entscheidendes Surrogat zur Verschärfung des Sexualstrafrechts, über das die Bundesregierung am 7.7. entschieden hat.

mehr zum Fall Gina-Lisa

Clevere Social-Media-Growth-Hacking-Kampagne für Wiesenhof ?

Während nun die Netzgemeinschaft empört aufschreit und Hashtags wie #ginalisa oder #teamginalisa entwirft oder bestehenden von #Wiesenhof oder #werderbremen voll laufen lässt,
und in Wirtschaftsmagazinen wie dem Handelsblatt oder der W&V über Imageschaden für die Wiesenhofmarke gesprochen wird, könnte man auch auf den Gedanken kommen, dass hier recht clevere Sozial Media Strategen bei den Kollegen der Wiesenhof Werbeagentur KD&P sitzen. Denn schaut man sich an, womit Wiesenhof in den letzten Jahren zu kämpfen hatte, kommt man kaum auf den Gedanken, dass ein platter Alt-Herrenwitz dem Image von Wiesenhof noch schaden könnte. Das Unternehmen muss sich u.a. Vorwürfe erwehren wegen:

  • Tierquälerei
  • illegaler Export von Tiermehl aus Schlachtabfällen mit hohem BSE Risiko
  • Verletzung von Hygienevorschriften
  • Raubbau am Grundwasser
  • Beschäftigung von Arbeitern zu Hungerlöhnen
  • einen Abbruch des Werbevertrages mit Dieter Bohlen, der öffentlich verkünden ließ, nicht für so ein Unternehmen geworben hätte, wären ihm diese Vorwürfe vorher bekannt gewesen
  • ein Großbrand
  • die Entlassung von 500 Mitarbeitern

Zu diesem Zeitpunkt eine Social-Media-Kampagnen zu starten, die die Aufmerksamkeit weg von den oben genannten Themen lenkt und einem auch die Kontrolle über das aufgebrachte Thema gibt, wäre schon fast genial zu nennen.
Erst erzeugt man Aufmerksamkeit mit dem Überschreiten einer gesellschaftlichen Grenze. Im nächsten Schritt entschuldigt man sich artig. Lenkt damit von vermeintlichen Fehltritt ab. Schon hat man aus der Hälfte der Hater, die sich nie für die Marke interessiert haben potentielle Neukunden gewonnen.
Denn das ist natürlich rasch geschehen. Atze Schröder und Wiesenhof habe sich umfassend entschuldigt, Reue gezeigt und Besserung gelobt. Den Clip von Ihrem Youtube-Kanal gelöscht und an eine soziale Einrichtung eine Spende verteilt.

Während die Teilungszahlen, Kommentare etc. in den sozialen Medien vor dem Skandal eher gering waren, so haben sie sich bei Atze Schröder mit diesem Post verzehnfacht.
Und auch der gelöschte Chip erfreut sich derweilen weiterhin in den unterschiedlichsten Formaten großer Beliebtheit im Netzt. Na sowas!
Einfacher und besser könnte man wohl eine Krisensituation nicht umkehren. Social-Growth-Hacking at ist best! Ohne den Kollegen Absicht unterstellen zu wollen, schiebt der Fall doch eine mächtig große Bugwelle der Aufmerksamkeit vor sich her.

Die Moral

Ob solche eine Vorgehensweise auch ethisch und moralisch zu vertreten wäre, steht auf einem anderen Blatt. Der Deutsche Werberat kommt auch nachträglich noch zu dem Ergebnis, dieser Clip sei entwürdigend und diskriminierend und hätte nie gesendet werden dürfen.
Wir schließen uns diesem Urteil gerne an und versuchen in Zukunft etwas mehr Fisch auf den Grill zu legen.