Wie sich die Arbeit in einer Werbeagentur verändert

Die Arbeit einer Werbeagentur hat sich im Jahr 2018 geändert. Die Arbeit in einer Werbeagentur auch. Oder warum in der Werbeagentur von heute moderne Sklavenhaltung keine Chance mehr hat.

Dem einen oder anderen wird es schon aufgefallen sein: Die Arbeit für Werber in einer Werbeagentur, die sich früher hauptsächlich um die Entwicklung origineller Ideen drehte, hat sich durch die Digitalisierung nachhaltig verändert. Aber nicht nur durch die Digitalisierung.

Auch die Einstellung zur Werbung und zur Arbeit in der Werbeagentur hat sich komplett gedreht. Waren Werbeagenturen in den 80er und 90er Jahren im Dienste ihrer Kunden die gnadenlosesten „Schrubb-Buden“, auch wenn sie hochwertiges Design, ein einprägsames Logo, eine Corporate Identity, eine zündende Idee oder intelligentes Marketing verkauft haben, in denen sich die Mitarbeiter nach übermenschlichen Leistungen reihenweise einen Tinnitus, Burnout oder im Zweifel beides zugezogen haben, weil Anwesenheitspflicht bis 23 Uhr bestand, so bietet die moderne Werbeagentur von heute gleichberichtigte Teams, flexible Arbeitszeiten, die Möglichkeit zum Home Office, Massagen vor Ort und Obstkörbe für alle. Wer Arbeitnehmer der Generationen X, Y oder Z für sich gewinnen will, kann mit dem Arbeits-Ethos aus dem letzten Jahrtausend keinen Blumentopf mehr gewinnen. Klangvolle Markennamen?

Okay. Kreativpreise? Warum nicht. Üppige Gehälter für großartige Leistungen? Na klar. Überstunden dafür machen? Never ever. 60 Stunden Woche? Seid ihr verrückt. Wochenend-Arbeit? Pure Verständnislosigkeit.Die neuen Mitarbeiter sind nicht nur über Social Kanäle gut informiert, hoch professionell aber komplett ohne jeden Selbstausbeutungs-Ehrgeiz. Niemand trägt mehr seine Überstunden-Berge im Team wie eine Monstranz vor sich her. Die neuen Werber arbeiten, um zu leben. Und nicht umgekehrt.Das übrigens am liebsten im Team. Und damit vom Leben auch was übrig bliebt, sind Vier-Tage-Woche, Sabbatical und pünktlicher Feierabend zu entscheidungsrelevanten Assets geworden.

Karriere? Ja, bitte. Aber keinesfalls auf Kosten der eigenen Gesundheit. Kundenorientierung? In jedem Fall.Aber nicht um den Preis der Selbstaufgabe.

werbeagentur Galleere

Von der Galeere auf den Ausflugsdampfer.

Gab es in früheren Jahren die typische Werbe-Galeere mit einer luxuriösen Kapitäns-Kajüte auf dem Oberdeck für die Geschäftsführung der Werbeagentur und den Kreativen in dunklen lichtlosen Räumen zusammen gepfercht auf dem Unterdeck, so hat dieses Model heute ausgedient und findet sich im Personal-Marketing der Agenturen nicht mehr wieder.

Wer immer noch auf überdimensionierte Chefbüros in teurem Design mit herrlichem Panorama-Blick einerseits und enge Werkbänke für die Kreativarbeiter andererseits setzt, hat beim Nachwuchs schlicht keine Chancen mehr. Die Mädchen und Jungs wissen was sie wert sind und werden, bei entsprechendem Potential, heiß von Unternehmen, also den Kunden, Unternehmensberatungen, Start ups oder Online-Agenturen umworben. Die suchen alle im Web Verstärkungen für ihre jungen Teams. Da muss sich keiner mehr auf menschenverachtende Arbeitsbedingungen einlassen oder größenwahnsinnige Egomanen als brüllende und strafende Vorgesetzte akzeptieren.

Heute erhalten die guten Kreativen ganz im Sinne der Kunden keinen Platz auf der Ruderbank, sondern auf dem Sonnendeck des Ausflugsdampfers, wo man ihnen einen guten Überblick verschafft und sich intensiv um ihr Wohlbefinden verdient macht.

Also – schöne neue Arbeitswelt mit paradiesischen Zuständen? Nicht ganz. Denn trotz Work-Life-Balance, pünktlichem Feierabend und Casual Friday haben sich die Anforderungen an den einzelnen Kreativen im Team immer weiter erhöht.

Eine solide Allgemein-Bildung und ein bisschen Talent reichen heute nicht mehr, um als Kreativer in einer Werbeagentur allen Herausforderungen zu begegnen und die nötigen Leistungen zu bringen. Wer nicht jeden Tag seinen Horizont erweitert und neue Techniken und Erkenntnisse in seine Arbeit einbaut, stellt nach ein paar Jahren fest, dass er rettungslos abgehängt wurde und in kein Team mehr passt. Was gestern noch sichere Erkenntnis war, ist heute obsolet. Und der Kunde ist ein scheues Reh. Er bleibt nur, wenn die Leistung der Agentur hundertprozentig stimmt.

werbeagentur Galleere

Vom Segen und Fluch der Social Media Kanäle für Werbeagenturen, Kreative und solche, die es werden wollen.

Werfen wir noch einmal einen Blick ins letzte Jahrtausend. Wie war das eigentlich – Feierabend? Man hat nach einem Acht-bis-Zehn-Stunden-Tag in Marketing oder Design die Kladde zugeklappt oder die ganz Fortschrittlichen auch einen der ersten Macs, die in der Agentur rum standen, abgeschaltet. Ein letzter Blick in die Werbeagentur-Räume, wo auf den Tischen neben den obligatorischen Wasserflaschen auch Cola-Pullen, Limo- oder Bierflaschen rum standen und alles den Eindruck kreativen Chaos vermittelte. Tür zu, Schlüssel rum. Und ab ging’s in Kneipe, Bar oder Club zum Feiern
bzw. schlicht nach Hause, wo der Abend mit dem Abhängen vorm Fernseher zu Ende ging. Kein Gedanke an den Job, an Design, ein Logo, eine Corporate Identity, Marketing oder den Kunden mehr. Bis nächsten Morgen um 10 Uhr war einfach Sendepause. Keine weiteren Leistungen mehr erforderlich.

Davon kann man heute nicht mal mehr träumen. Denn wenn der Job getan ist, muss man sich im Web auf diversen Plattformen dem konsequenten Eigen – Marketing widmen. Hier ein Diskussionsbeitrag zum Thema Design, da einen originelles Film-Posting (vielleicht vom Agentur-Hund?), hier die Gratulation wahlweise zum Geburtstag, zum neuen Job, zur Beförderung im Marketing oder zum Firmenjubiläum, zwischendurch Plausch mit Freunden auf Whatsapp, Profil-Aktualisierung bei LinkedIn und Xing, Storytelling auf Instagram und…und..und.

Entweder man nutzt dafür dann professionelle Software oder man investiert eine Menge der gewonnenen freien Zeit gleich wieder in die ewig hungrigen Zeitschlucker. Im Endeffekt ist auch der neue Werbeagentur-Mitarbeiter durch den Social Media Terror genauso gestresst wie der „Arbeitssklave“ der späten Neunziger. Oder noch gestresster. Dabei spielt es keine Rolle, ob man Stratege, Texter, Art Director oder Kundenberater ist. Die Eigenvermarktung – möglichst mit eigener Website – ist inzwischen im Jahr 2018 für jeden Werber ein „Muss“. Wer heute ohne Profile und ohne Profil-Bearbeitung Karriere machen will – selbst wenn es eine „Karriere light“ ist – hat es schwer. Denn kaum nimmt ein möglicher Arbeitgeber Kontakt auf, fragt er nach den Social Media Profilen eines Aspiranten. Datenschutz hin oder her.

Der Kreative, der Technik ablehnt? In der Werbeagentur von heute ein Anachronismus.

Vielleicht erinnern sich die Älteren von uns noch mit Schaudern daran: an den Kreativdirektor einer namhaften Werbeagentur, der weder eine Schreibmaschine noch einen PC bedienen konnte und seine handschriftlichen Kritzeleien der gestressten Sekretärin zum Transkribieren gab. Gedacht hat er in Print, am liebsten in Dopppelseiten, E-Mails hat er sich ausdrucken lassen und ohne die entsprechende Dosis Cappuccino oder Caffe Latte nicht mal mit dem Denken angefangen.

Ein solches Faktotum kann sich eigentlich keine Werbe- oder Kreativ-Agentur mehr leisten. Denn mit dem Einzug der Technologie geht bei Steigerung der Leistungen ein Abschmelzen der früher üppigen Margen daher. Werbung ist für viele Agenturen heute kein Geschäft mehr. Zu wenig skalierbar. Wer sich heute als Texter nur mit Jamben und Alliterationen beschäftigt ohne den Kontakt zur Technik zu suchen, wird seinen Job nicht mehr im Sinne das Kunden machen können.

Denn wo früher die Suche nach der originellsten Formulierung im Mittelpunkt stand, wird heute nach Keyword-Dichte getextet. Als Textschmied sollte man wissen, was ein WDF/IDF-Test ist und wie man eine Geschichte oder eine Corporate website so strukturiert, dass die Suchmaschine sich zurecht findet. Denn heute textet man nicht mehr nur für den Leser, sondern auch und vor allem für den Algorithmus, der über das jeweilige Ranking bestimmt. Ohne dass man wirklich jemals mit ihm Kontakt hat.

Denn was nützt der schönste philosophische Erguss, wenn ihn einfach keiner zu sehen bekommt?

Doch was dem Werbetexter recht ist, ist dem Art Director billig. Auch der hat heute einen ganz anderen Job als noch vor 20 Jahren. Klar – es ist eine Selbstverständlichkeit, dass er die Programme seiner Adobe Creative Cloud aus dem FF beherrscht. Aber inzwischen sollte er sich auch beim Design von Webseiten auskennen, verschiedene Content Management Systeme bedienen, ein Logo im Illustrator fertigen können und Grundkenntnisse in HTML5 besitzen. Design sollte er nicht nur in Skizzen
vorstellen können, sondern möglichst mit 3D-Modellen.

Beide sowohl Texter als auch Art Director sollten sich mit Google Analytics auseinander gesetzt haben, eine Website konzipieren können, wissen was ein Rich Media Display Banner ist und die richtige Google Suche für Fortgeschrittene beherrschen. Skype Konferenzen, Google Hang outs und andere Segnungen der neuen Zeit müssen inzwischen alle Mitarbeiter einer Werbeagentur beherrschen. So wie sie die Fähigkeit haben sollten, einen Cache zu leeren, ein Plug in aufzuspielen, das Smartphone upzudaten, Datenschutz einzuschätzen und…und…und…

Denn jeder noch so geniale Kreative, Stratege oder Berater, der sich diese Fähigkeiten nicht drauf schafft, braucht trotz seiner genialen Ideen einen entsprechenden Sherpa und mindert so die Wettbewerbsfähigkeit seiner Agentur. Man muss schon sehr genial sein, wenn man aufgrund der eigenen Lernunwilligkeit statt einem zwei oder drei Mitarbeiter für einen Job braucht und das kompensieren soll. Denn die Zeit der reinen Print-Kampagnen ist nun schon ein paar Jahre vorbei. Der eine oder andere sollte vielleicht mehr Kontakt zum Technik-Department suchen. Und umgekehrt.

Leider ist Technik allein für die Werbeagentur auch keine Lösung.

Es hilft allerdings auch nicht, wenn man die tollsten Technik-Freaks auf einem Haufen hat, wenn die weder einen vernünftigen Satz schreiben noch ein ansprechendes Layout oder ein in sich schlüssiges Corporate Design entwickeln können.

Das pure Technologie-Know-how bringt noch keine erfolgreiche Webseite hervor. In der Werbeagentur von heute ist die Balance zwischen Kreativität und Technologie entscheiden. Nur das eine oder nur das andere genügen nicht, um den Herausforderungen des Marktes gerecht zu werden. Werbe- und Kreativ-Agentur brauchen beides: kreative Inspiration und valides technologisches Know how.

Und jeder einzelne Mitarbeiter ist dazu verpflichtet, sich permanent proaktiv weiterzubilden. Keiner darf sich der Verpflichtung entziehen, jeden Tag sich mit aktuellen Nachrichten aus der Branche zu konfrontieren und zu lernen, lernen, lernen. Damit Mitarbeiter auch lernen können, müssen sie die nötige Zeit dafür eingeräumt bekommen. Auch wenn man keine aufwendigen Seminare und Workshops zu extrem hohen Kosten verursacht, kann man seine Mitarbeiter durch entsprechende Zeitbudgets dazu motivieren, Neues zu lernen. Und das wird von Tag zu Tag nötiger. Eine Agentur, die keinen Kontakt zum Hier und Jetzt hat, hat sich einfach überlebt.

Der Nebenjob: gut oder schlecht für die Werbeagentur.

Wer nicht nur für einen Arbeitgeber wie eine Agentur schuftet, bekommt mehr Impulse. Wir bei lawinenstift bieten unseren Mitarbeitern ganz gezielt über die Vier-Tage-Woche oder reduzierte Arbeitszeiten die Möglichkeit, noch für andere Kunden zu arbeiten. In der Regel haben unsere Mitarbeiter kleine eigene Kunden, so dass sie automatisch nicht nur als Angestellte sondern als kleine Unternehmer denken. Sie bringen die Erkenntnisse aus dem einen Job häufig bei dem anderen ein. Das sorgt insgesamt für ein verbessertes Leistungs-Niveau. Wir haben bei uns in der Agentur alle Modelle: von der Zwei- bis zur Fünftage-Woche, von vier bis acht Stunden.

Unsere Mitarbeiter arbeiten vor Ort in der Werbeagentur oder zu Hause im Home Office. Manche sitzen direkt in Berlin. Andere in Hamburg, Stockholm oder Florida. Maximale Flexibilität bei maximaler Effektivität ist unser Ideal. Das erfordert von jedem ein bisschen mehr Organisations-Aufwand aber das Ergebnis rechtfertigt unser Modell. Die 70-Stunden-Woche ist Geschichte. Und die eindimensionale Ausrichtung ebenfalls.

Auf die Balance kommt es an.

Wenn Sie als Auftraggeber eine 100%-Agentur als Ideengeber und Partner wollen, dann suchen Sie sich lieber einen anderen Dienstleister. Wenn Sie aber Wert auf die richtige Balance zwischen Kreativität und Technologie, Neugier und Erfahrung, Handwerk und Kunst, Konzeptstärke und Kostenmanagement legen, dann sind Sie bei lawinenstift vielleicht gar nicht so falsch.